Armenische Folkloretänze

Die armenische Tanztradition

Der Tanz nimmt innerhalb des armenischen Kulturerbes einen besonderen und bedeutenden Platz ein. Dies ist kein Zufall, denn viele der armenischen Folkloretänze reichen bis in die frühesten Zeiten der Geschichte zurück. Bis vor wenigen Generationen galten zahlreiche Tänze als heilige Handlungen und waren fester Bestandteil religiöser, gesellschaftlicher und jahreszeitlicher Rituale.

Durch ihre Bewegungen brachten unsere Vorfahren nicht nur ihre Bewunderung und Verehrung für die Natur sowie ihre Kräfte zum Ausdruck. Sie versuchten zugleich, Naturerscheinungen nachzuahmen und symbolisch auf sie einzuwirken. Über Jahrhunderte entstand auf diese Weise im gesamten Armenischen Hochland eine einzigartige Sprache der Bewegung und Formein „tänzerisches Alphabet“, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde.

Die armenischen Folkloretänze unterscheiden sich in ihrer Struktur, ihrer Bewegungssprache und ihrer Symbolik deutlich von den Tänzen anderer Völker der Region. Gleichzeitig bewahren sie die historische Erfahrung, die Weltanschauung und das kollektive Gedächtnis des armenischen Volkes. Jeder Tanz erzählt auf seine Weise von Gemeinschaft, Glauben, Arbeit, Kampf, Freude und Hoffnung.

Ein wesentliches Merkmal der armenischen Tanzkultur ist ihr gemeinschaftlicher Charakter. Im Gegensatz zu vielen anderen Tanztraditionen werden armenische Folkloretänze überwiegend als Gruppentänze aufgeführt. Sie stärken den Zusammenhalt der Gemeinschaft und spiegeln die Bedeutung von Solidarität, gegenseitiger Unterstützung und kollektiver Identität wider.

Traditionell wurden viele Tänze zu bestimmten Anlässen, Festen oder religiösen Feiern aufgeführt. Einige waren sogar bestimmten Personengruppen vorbehalten oder durften nur zu festgelegten Zeiten des Jahres getanzt werden. So wurde beispielsweise der rituelle Astvatsatsna Par – übersetzt der Muttergottes-Tanz (im Volksmund auch „Yaili“ bekannt) – nur einmal jährlich im Rahmen der Traubensegnung zum Fest Mariä Himmelfahrt aufgeführt.

Charakteristisch für armenische Tänze sind Kreis-, Halbkreis- und Reihenformationen. Die Tänzerinnen und Tänzer bilden dabei eine geschlossene Kette, indem sie sich an den Kleinfingern, an den Händen, Hüften oder Schultern halten. Diese Verbundenheit symbolisiert die Stärke der Gemeinschaft: Jeder Einzelne trägt Verantwortung für das Ganze.

Im Laufe der Geschichte gingen durch Kriege, Vertreibungen und den Völkermord an den Armeniern zahlreiche Tänze und Traditionen verloren. Dank der Arbeit von Ethnographen, Tanzforschern und Kulturträgern konnten jedoch viele dieser Tänze dokumentiert, bewahrt und an die heutigen Generationen weitergegeben werden.

Die armenischen Volkstänze sind daher weit mehr als eine Form der Unterhaltung. Sie sind ein lebendiger Ausdruck der Geschichte, der Kultur und der Identität des armenischen Volkes und verbinden Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Nationaltänze – Lebendiges Kulturerbe des Armenischen Hochlandes

„Im Tanz spiegeln sich die charakteristischen Merkmale eines Volkes wider – insbesondere sein Wesen, seine Sitten und seine kulturelle Entwicklung.“ Komitas Vardapet (1869–1935)

Tanzgruppe des Armenischen KulturVereins in Hessen e.V.

Die armenischen Folkloretänze gehören zu den ältesten noch lebendigen Ausdrucksformen der armenischen Kultur. Über Jahrhunderte wurden sie von Generation zu Generation weitergegeben und bewahren Erinnerungen an das Leben, die Feste, die Landschaften und die Geschichte des armenischen Volkes.

Viele dieser Tänze stammen aus den historischen Regionen Westarmeniens und wurden nach dem Völkermord von 1915 im Osmanischen Reich von Überlebenden bewahrt und in Armenien sowie in der Diaspora weitergegeben. Jeder Tanz besitzt seine eigene Geschichte, Symbolik und regionale Prägung. Gemeinsam erzählen sie von Gemeinschaft, Lebensfreude, Mut und kultureller Identität.

Mehrere der hier vorgestellten Tänze, darunter Kochari, gehören zum offiziell dokumentierten immateriellen Kulturerbe Armeniens und werden von ethnographischen, musikologischen und folkloristischen Forschungen als Bestandteil der jahrtausendealten armenischen Kulturtradition beschrieben.

Quelle: „Karin“ – Zentrum für die Erforschung, Bewahrung und Verbreitung des armenischen traditionellen Lied- und Tanzerbes

Յարխուշտա – Yarkhushta

Historische Herkunft: Sassun (Sasun), Region Taron, Armenisches Hochland,

Yarkhushta gehört zu den ältesten überlieferten armenischen Kriegstänzen. Ursprünglich war er ein militärisches Kampfspiel, das sich im Laufe der Zeit zu einem rituellen Kriegstanz entwickelte. Traditionell wurde er von armenischen Kriegern vor einer Schlacht aufgeführt, um Mut, Entschlossenheit und Gemeinschaftsgeist zu stärken. Charakteristisch sind die kraftvollen Bewegungen und das rhythmische Gegeneinanderschlagen der Handflächen. Bis heute symbolisiert Yarkhushta Tapferkeit, Wehrhaftigkeit und den Zusammenhalt des armenischen Volkes.

Zur Bedeutung des Namens „Yarkhushta“

Für die Herkunft des Namens „Yarkhushta“ existieren verschiedene Deutungen. Eine verbreitete Erklärung führt das Wort auf die Verbindung der Begriffe „yar“ und „khshtik“ zurück.

Das Wort „yar“ stammt aus dem Persischen und bedeutet „Freund“, „Gefährte“ oder „Geliebter“, während „khshtik“ (խըշտիկ) einen kurzen Speer, eine Waffe bezeichnet.

In ihrer Verbindung ergibt sich daraus die Bedeutung „Waffengefährte“, „Kampfgefährte“ oder „Waffenbruder“. Diese Deutung passt besonders gut zum Wesen der Yarkhushta, die ursprünglich von Kriegern vor dem Kampf aufgeführt wurde und Mut, Zusammenhalt, Vertrauen und die Verbundenheit der Waffenbrüder symbolisierte.

Der Name verweist somit nicht auf den Kampf gegen den eigenen Gegenüber, sondern auf die Gemeinschaft und Solidarität derjenigen, die Seite an Seite für ihre Heimat und ihre Gemeinschaft einstanden.

Գյովնդ – Gyovnd

Historische Herkunft: In nahezu allen historischen Regionen Armeniens verbreitet – in Alashkert, Mush, Shatakh, Khlat, Khnus usw.

Gyovnd ist die bekannteste Familie armenischer Reihentänze und zählt zu den ältesten Formen gemeinschaftlichen Tanzes. Die Tänzer bilden eine geschlossene Reihe oder einen Kreis und bewegen sich in harmonischen Schrittfolgen. In der armenischen Tradition symbolisiert Gyovnd die Einheit der Gemeinschaft, die Verbundenheit der Menschen und die Kontinuität des Lebens. Gyovnd wurde bei Hochzeiten, Erntefesten und religiösen Feiern getanzt und gehört bis heute zu den beliebtesten armenischen Folkloretänzen.
Zum Gyovnd ist anzumerken, dass ähnliche Bezeichnungen und teilweise vergleichbare Schrittfolgen auch in den Tanztraditionen anderer Völker des Armenischen Hochlands vorkommen. So finden sich verwandte Formen beispielsweise bei den Assyrern („govend“), den Jesiden („govend“) und den Kurden („govand“).

Diese Gemeinsamkeiten sind Ausdruck des jahrhundertelangen Zusammenlebens verschiedener Völker in derselben Region. Trotz einzelner Ähnlichkeiten besitzt der armenische Gyovnd jedoch seine eigenen charakteristischen Bewegungsformen, seine spezifische Symbolik und seine besondere Funktion innerhalb der armenischen Tanztradition, wo er häufig den Beginn eines Festes oder einer gemeinschaftlichen Feier markierte.

Վերվերի – Ververi

Historische Herkunft: verbreitet im gesamten Armenischen Hochland, insbesondere in den Regionen Vaspurakan und Taron

Ververi gehört zu den ältesten Schichtungen der armenischen Tanzkultur und hat seinen Ursprung in vorchristlichen Glaubensvorstellungen. Der Tanz wird mit sehr alten Natur- und Fruchtbarkeitskulten sowie mit der Verehrung von Vögeln in Verbindung gebracht.

Die für Ververi charakteristischen Sprünge und federnden Bewegungen spiegeln den Versuch wider, die Leichtigkeit und Höhe des Vogelflugs nachzuahmen. In den alten Glaubensvorstellungen sollten solche Bewegungen nicht nur die Vögel darstellen, sondern auch eine symbolische und magische Wirkung auf Fruchtbarkeit, Wachstum und das Gedeihen von Mensch, Tier und Natur entfalten.

Nach alten armenischen Vorstellungen wohnten die Götter im Himmel, während die Welt der bösen Kräfte in den Tiefen der Erde lag. Vögel galten als besondere Wesen, da sie als einzige Geschöpfe zwischen Himmel und Erde vermitteln konnten. Sie wurden deshalb als Symbol der Verbindung zwischen den Menschen und der göttlichen Welt angesehen.

Darüber hinaus steht Ververi in Verbindung mit Ahnenkulten, Naturverehrung und alten rituellen Darstellungen, die ihren Ursprung in der frühen Geschichte des Armenischen Hochlands haben. Die Kreisformationen des Tanzes werden von Forschern teilweise auch mit der Verehrung von Himmelskörpern und kosmischen Vorstellungen in Verbindung gebracht.

Trotz seiner tiefen kultischen Wurzeln zeichnet sich Ververi durch einen lebhaften, fröhlichen und oft spielerischen Charakter aus. Der Tanz wird bei Festen, gemeinschaftlichen Feiern und verschiedenen gesellschaftlichen Anlässen aufgeführt und zählt durch ihre Vermittlung von Lebensfreude und Harmonie bis heute zu den beliebten armenischen Nationaltänzen.

Թամզարա – Tamzara

Historische Herkunft: Karin (heute: Erzurum), Kars, Sebastia, Hamshen, Kharpert, Arabkir und weitere Regionen Westarmeniens – benannt nach historischer armenischer Ortschaft

Tamzara zählt zu den ältesten und am weitesten verbreiteten armenischen Nationaltänzen der Armenischen Hochebene. Ethnographen haben zahlreiche regionale Varianten dokumentiert. Ursprünglich wurde Tamzara vor allem bei Hochzeiten gesungen und getanzt. Heute hat er seine rituelle Bedeutung fast verloren und wird bei unterschiedlichen Feierangelegenheiten getanzt.

Varianten dieses Tanzes finden sich auch in den Tanztraditionen anderer Völker der Region. So existiert beispielsweise bei den Pontos-Griechen ein verwandter Tanz, der ebenfalls als “Tamzára” oder “Tamsára” bezeichnet wird.                                

Der Name des Tanzes wird häufig mit der historischen armenischen Ortschaft Tamzara im Armenischen Hochland in Verbindung gebracht. Diese Siedlung war u.a. auch unter den Bezeichnungen Tamarza oder Tumarza bekannt.

Charakteristisch für die verschiedenen Formen der Tamzara sind bestimmte rhythmische Schrittfolgen und Bewegungen, denen ursprünglich eine schützende und symbolische Bedeutung zugeschrieben wurde. In der traditionellen armenischen Kultur galten diese Bewegungen als Ausdruck eines Abwehrzaubers gegen böse Kräfte und wurden besonders im Zusammenhang mit Hochzeiten und anderen wichtigen Übergangsritualen aufgeführt.

Damit verkörpert Tamzara nicht nur Freude und Gemeinschaft, sondern auch den Wunsch nach Schutz, Glück und einem erfolgreichen Neubeginn. Aus diesem Grund zählt der Tanz bis heute zu den beliebtesten und meistgetanzten armenischen Nationaltänzen.

Կարնո Քոչարի – Karno Kochari

Historische Herkunft: Karin (historisches Armenien, heute Erzurum)

Karno Kochari (Kotschari aus Karin) gehört zu den eindrucksvollsten armenischen Kampftänzen. Er entstand in der Region Karin und zählt zur großen Familie der Kochari-Tänze, die seit Jahrhunderten in verschiedenen Teilen des Armenischen Hochlandes überliefert werden. Die kraftvollen Schritte, Sprünge und rhythmischen Bewegungen symbolisieren Stärke, Ausdauer und Gemeinschaftssinn.

Bis heute wird Karno Kochari bei Festen, Hochzeiten, nationalen Feierlichkeiten und kulturellen Veranstaltungen aufgeführt und gilt als eines der kraftvollsten Beispiele armenischer Tanztradition.

Zur Bedeutung und Symbolik der Kocharis

Kochari gehört zu den ältesten und am weitesten verbreiteten Tanzfamilien des Armenischen Hochlandes. Armenische Ethnographen führen seine Ursprünge auf vorchristliche, naturreligiöse Traditionen zurück. Der Tanz gilt als kultischer Ausdruck einer Weltanschauung, in der Gemeinschaft, Stärke, Fruchtbarkeit und Lebenskraft eine zentrale Rolle spielten.

Der Name „Kochari“ wird in der armenischen Tanzforschung häufig mit dem Widder (arm. խոյ) sowie verwandten Begriffen wie ղոչ oder քոշ in Verbindung gebracht. In der armenischen Volksüberlieferung symbolisiert der Widder Mut, Führungsstärke, Unbeugsamkeit und Lebenskraft. Die kraftvollen Schritte, Sprünge und Vorwärtsbewegungen des Tanzes erinnern an die Energie und Kampfbereitschaft von Widdern und werden vielfach als Nachahmung ihrer Begegnungen und Kämpfe gedeutet.

Nach ethnographischen Überlieferungen wurde Kochari ursprünglich ausschließlich von Männern getanzt. In einigen Regionen des Armenischen Hochlandes war der Tanz Teil von Initiationsriten, mit denen heranwachsende Jungen symbolisch in die Gemeinschaft der Männer aufgenommen wurden. Kochari besaß damit nicht nur eine künstlerische, sondern auch eine soziale und rituelle Funktion.

Erst später, als der Tanz allmählich seine kultisch-sakrale Bedeutung verlor und Teil des alltäglichen Gemeinschaftslebens wurde, beteiligten sich auch Frauen an den Tanzreihen. Gleichzeitig entstanden zahlreiche regionale Varianten, die bis heute die kulturelle Vielfalt des historischen Armeniens widerspiegeln.

Die charakteristische geschlossene Reihe der Tänzer verkörpert die Einheit und den Zusammenhalt der Gemeinschaft, während die dynamischen Bewegungen Entschlossenheit, Ausdauer und den gemeinsamen Willen symbolisieren, Herausforderungen zu überwinden. Kochari ist daher weit mehr als ein Tanz – er ist Ausdruck eines kulturellen Gedächtnisses, das über Jahrhunderte hinweg bewahrt wurde.

Heute gilt Kochari als eines der bedeutendsten Symbole armenischer Tanzkultur und wird bei Festen, Hochzeiten und nationalen Feierlichkeiten in Armenien und der Diaspora aufgeführt.

Kochari gehört zu den bedeutendsten Symbolen der armenischen Tanzkultur. Seine kulturelle Bedeutung wurde 2017 international anerkannt, als „Kochari, traditioneller Gruppentanz Armeniens“ in die Repräsentative Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit der UNESCO aufgenommen wurde. Die UNESCO beschreibt Kochari als einen Tanz, der Identität, Solidarität und gegenseitigen Respekt fördert und von Generation zu Generation weitergegeben wird.

Quelle: „Karin“ – Zentrum für die Erforschung, Bewahrung und Verbreitung des armenischen traditionellen Lied- und Tanzerbes